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In einem Vogelsbergdorf Vajulen, Grasrosen und Rosmarin
Gehen wir nun aber auch mal in ein Vogelsberger Dorf hinein, schrieb Theodor Bindewald in einer seiner vielen Veröffentlichungen, um die Vogelsberger "in ihrem Leben und Treiben zu betrachten" - und weiter:
"Das haben sie voraus vor Westfalen und Westerwald, die Dörfer hier im Gebirge, daß sie wirklich zusammenhängende Dörfer und zwar mit stattlichen Gebäuden, nicht bloße Gehöfte sind!"
"Obschon der treffliche Basalt so reichlich vorhanden, so liebt's doch der Vogelsberger, sein Haus nur aus Holz auszuführen, und steinerne Häuser sieht man äußerst selten. Gewöhnlich ist das Haus der Sonnenseite nach erbaut, zumeist zweistöckig und mit dem Stalle und der Scheuer unter einem Dache, einem Strohdache. Die Südseite führt jedes mal in die Wohnstube. Zwischen ihr und der Kammer steht bei den Wohlhabenden der mächtige Ziegelofen und neben demselben die Ofenbank, der behagliche Ruheplatz für Sommer und Winter. Um die Fenster her, der Wand entlang, läuft eine roth angestrichene Sitzbank. Neben der Kammerthür sieht man die Schwarzwälder Uhr. In der Kammer hängt, an dem Balken befestigt, nach einer Art Hängematte, ein Tuch. Das ist an vielen Orten - die Wiege der Kinder! Die Betten sind meist mit dürrem Laub und Grummet, seltener mit Wolle oder Federn gefüllt.
Eine besondere Küche haben nicht alle Häuser., und die Hausflur muß bei den Aermeren dazu dienen, wo man hie und da noch als einziges Kochgeschirr einen an Ketten aus dem Schornstein herabhängenden Kroppen findet.
Der Wohnstube gegenüber erblickt man fast allgemein den Eingang zum Viehstalle, der durch hölzerne Wände für Jung- und Altvieh geschieden ist, und in den von außen die zweite Thür des Hauses führt.
Zuletzt kommt die Scheuer, und nebenan gesondert die Schweineställe. Gebäude von 100 und mehr Fuß Länge kann man in allen Dörfern sehen."
"Zum oberen Stockwerk gelangt man noch da und dort statt auf einer Treppe auf einer wackeligen Leiter, und trifft daselbst meist nur eine Stube an, die "Owerlabe" geheißen, vor welcher außen am Fenster der Blumenbäukel mit den "Vajulen", "Grasrosen" und dem unentbehrlichen "Rosmarin" befestigt ist, und in welcher in mächtigen Laden aus Tannenholz, statt der Schränke, die Kleider der Männer und Weiber und andere Habseligkeiten geborgen werden. Nicht jeder Stadtmensch begehre übrigens diesen Himmel der Herrlichkeit zu beschauen, am wenigsten im Sommer. Es würde sich ihm dann eine wahrhaft klassische Unordnung präsentiren, für welche alle Namen unzulänglich sind, oder ihm vielleicht eine mit ihren Jungen daselbst eingesperrte Gluckhenne wüthig in die Haare fahren.
In einigen hochgelegnen Orten sieht man auf keinem Bauernhause Schornsteine. Die Leute sind da genöthigt, wegen des großen Sturmwindes, dem Rauche freien Paß durch den Dachboden zu lassen, woher es denn kommt, daß sich kleinere Hütten sehr tiefgeschwärzt von innen darstellen.
Das Strohdach fristet noch immer seine Existenz in allen Dörfern durch den energischen Widerstand der Vogelsberger. Die Ziegeln aller Art sind nämlich nicht imstande, den feinen Schnee abzuhalten, der in der Scheuer und auf dem Speicher den Leuten alles verdirbt. Da nun die Obrigkeit die Anlage neuer Strohdächer bestraft, so läßt man sich in Gottes Namen lieber strafen, oder flickt in Einem fort an dem alten Dache, so lange es noch angeht, um nur bei dem Alten zu bleiben."
Anmerkung: Theodor Bindewald war hauptberuflich Pfarrer in den Vogelsbergorten Engelrod und Groß Eichen und im Nebenberuf Heimatforscher - oder war es umgekehrt. Außerdem beobachte er sehr genau, beschrieb den Vogelsberg, seine Menschen und deren Umfeld in vielen köstlich zu lesenden Abhandlungen. Der obige Text ist eine Auszug aus einem unter dem Titel "Der Vogelsberg" im Jahr 1865 bei Velhagen und Klasing in Leipzig erschienen Artikel in "Daheim - Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen".
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