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Topographische Bemerkungen 1771 - 1800 über das Physikat zu Lauterbach am Vogelsberge Von Moritz Gerhard Thilenius, Dr. med., Herzoglich Nassauisch-Usingischer Geheimer Rat u. Leib-Arzt, vorh. Freih. Riedeselscher Stadt- und Landphysikus. - Mitgeteilt von Dr. Karl Krömmelbein
Dr. med. Moritz Gerhard Thilenius, geboren in Eddigehausen bei Oberhone am 3. 4. 1743, gestorben in Wiesbaden am 25. 1. 1809 als Nassauischer Geheimerat, wurde von den Freihernn Riedesel als Stadt und Landphysikus im Jahre 1771 nach Lauterbach berufen, wo er bis zum Jahre 1801, da er als Kameralarzt nach Wetzlar übersiedelte, in großen Segen gewirkt hat. So hat er als Erster in Hessen im Riedeselschen Gebiet 1783 die Blatternimpfung eingeführt. Sein folgender Bericht aus den Jahren 1771 - 1800 gibt uns ein überaus wertvolles Bild unserer engeren Heimat vor mehr als hundert (inzwischen über 200) Jahren.
"Des Ortes, der Gegend, worin es einem fast volle 30 Jahre, im beträchtlich großen Wirkungskreise, ungestört wohl ging, kein wesentlicher Verdruß auch nur einen Tag trübte, erinnert man sich allemal mit unaussprechlichem Vergnügen. Das war mein Fall, und dieser Grund wird mich entschuldigen, daß ich jetzt wieder von dem bis 1801 vorgestandenen Physikate zu Lauterbach und dem umliegenden Freiherrlich von Riedeselschen Gebiete die wichtigsten, dem Arzte brauchbaren medizinisch-topographischen Bemerkungen voranschicke.
Das Physikat enthält außer der Stadt Lauterbach und dem zahlreich bewohnten Schlosse Eisenbach, dem sehr alten Rittersitze, zweiundfünfzig Dörfer und verschiedene einzelne Höfe.
Das ganze Gebiet war vordem in neun Gerichte, oder Ämter verteilt, nämlich: 1. Lauterbach und Wernges, 2. Cent, 3. Landenhausen, 4. Stockhausen, 5. Altenschlirf, 6. Moos, 7. Freyensteinau, 8. Engelrode, 9. Oberohmen. Aus der Vereinigung des Gerichts 3 und 4 mit 5 - und 6 mit 7 bleiben nur 6.
Alles ist in 14 Pfarreien geteilt, namentlich: 1. Stadtpfarrei Lauterbach; wozu die Werth, Heblos und Rümlos gehören, 2. Pfarrei Freyensteinau; dazu Fleschenbach, Rademühl, Salz, Holzmühl, Reichlos, 3. Pfarrei Niedermoos; dazu Obermoos, Gunzenau, Wünschenmoos, Azlos (Metzlos), Azlos-Gehag, Bannrode, Veitshain, Heisters, Zahmen; die stärste im Lande. 4. Pfarrei Altenschlirf; dazu Weidmoos, Noesberts, Steinfurth, Schelchtenwegen, 5. Pfarrei Stockhausen; dazu Schadges, Rixfeld, 6. Pfarrei Landenhausen; ohne Filiale, 7. Pfarrei Angersbach; dazu Rudlos, 8. Pfarrei Maar; dazu Wernges, 9. Pfarrei Wallenrod; dazu Reuters, 10. Pfarrei Frischborn; dazu Blitzenrod, Almerode, Sickendorf, Eisenbach, 11. Pfarrei Hopfmannsfeld; dazu Dierlammen, 12. Pfarrei Engelrode; dazu Rebgeshain, Eichelhain, Eichenrode, Hoergenau, Lanzenhain, 13. Pfarrei Oberohmen; dazu Ruppertenrode, Unterseibertenrode, Zeilbach, 14. Pfarrei Großeneichen; dazu Kleineichen.
Die Stadt Lauterbach liegt ohngefähr, wie Fulda, unter dem 50 - 51. Grad nördlicher Breite. Ihr Alter als wirkliche Stadt, kann man bis aufs Jahr 1265 zurückrechnen. Ihres bloßen Namens wird schon 812 gedacht. - Das dasige von Riedeselsche Gebiet liegt nordwärts vom Abhange des Oberwalds, wodurch es von der Wetterau geschieden wird. Bei dem angrenzenden Darmstädtischen Dorfe Bräungeshain ist die höchste Spitze dieses 300 Toisen über der Meereshöhe gelegenen Gebirges. Diese und die Höhen von Hergenhain und der Naxburg bei Niedermoos, machen die Scheitelpunkte für den Lauf der zahlreichen Quellen, wovon die daraus gebildeten das Land durchströmenden Bäche sämmtlich gegen Nordost in die Fulda, - die auf der entgegengesetzten Seite, nach Westen hin, in die Nidda, Kinz u.s.f. in den Main fallen. Niedrige Berge, weite Täler, wenige platte Ebenen bilden das ganze Land.
Gegen Morgen wird es von der Grafschaft Schlitz und dem Fuldaischen - gegen Mittag vom Fuldaischen und Ysenburgischen - gegen Abend vom Darmstädtischen und Solms-Laubachischen - gegen Mitternacht ganz vom Darmstädtischen begrenzt.
Das Klima ist etwas rauh. Frühling und Sommer kommen etwas später; Herbst und Winter etwas früher als unter der Westseite des Oberwaldes, nach Frankfurt zu. In der Wetterau blühen, reifen Obst- und Feldfrüchte um 3 Wochen früher. Schon das Gericht Oberohmen macht darin einen 14tägigen Vorsprung. In Engelrode, nahe am Oberwalde, wird selten eine Zwetsche reif. In Rebgeshain, eine halbe Stunde von Ulrichstein, an der nördlichen Spitze des Oberwaldes hat man gar keine Obstgärten. Im Oberwald und um Moos liegt jedes Jahr fast noch Schnee, wenn um Lauterbach schon alles grünete. Selten ist man vor Anfang Julius vor Nachtfrösten gesichert geblieben.
Südwestwind ist der am meisten herrschende. Herbst und Frühjahr sind gemeiniglich von naßkalter, Kartharre, Influenz begünstigender Temperatur. Die höher liegenden Oerter Rebgeshain, Engelrode, Eichelhain, Freyensteinau, Moos sind um diese Zeit oft wochenlang in dicken, düsteren, wie feiner Staub herabfallenden Nebel gehüllt, wenn im Tale nur bedeckter Himmel ist. Oft reiset man im Sonnenschein aus Lauterbach und muß sich schon 1 1/2 Stunde davon in Kälte und Schneegestöber in Oberrock hüllen. - So wie überall in Deutschland hat man seit 40 Jahren minder regelmäßige Jahreszeiten, vornehmlich weniger strenge Winter, dagegen mehr laue, regnigte bemerkt. Unstreitig hat das jährliche lichter werden, hie und da gänzliche Verschwinden der ehemals undurchdringlichen Waldungen, die Ende des 17. Jahrhunderts noch Bären bewohnten, das Klima gelinder gemacht. Vielleicht trugen die seit 20 Jahren bemerkten Erdebeben dazu bei.
Daß diese klimatische Veränderung deutlichen Einfluß auf den gang der Krankheiten gehabt, oder neue herbeigeführt habe, ist noch nicht erweislich.
Unverkennbar haben gestiegene Kultur und Luxus manche Uebel gemeiner gemacht. Hypochondrie, Hysterie, chronische Fehler der Baucheingeweide, kommen häufiger unter dem Bauernstande, nach den fortgesetzten Beobachtungen meines Sohnes vor, fast so häufig als in den höheren Ständen.
Der mittlere Barometerstand ist 27 Pariser Tolle. Bei Aequinoctial-Stürmen sinkt er tief herunter.
Der Erdboden, obgleich an vielen Oertern mehr oder weniger steinig, liefert alles, was man zum täglichen Unterhalte braucht. In den Jahren 1771 und 72, wo Fruchtmangel in Deutschland Hunger, Jammer und Elend verbreitete, Tausende früher ins Grab stürzte, hatten wir dort das göttliche Vergnügen kleine Heerzüge dürftiger, ausgehungerter Fremden aus unserem Vorrate zu speisen, erquicken zu können.
Außer Weizen, Korn, Gerste, Hafer, Buchweizen, Erbsen, Linsen bauet man sehr viele Kartoffeln und andere Gemüse; - für Gewerbe und Nährstände vielen guten Flachs.
In nassen Jahren ist das Korn an sehr vielen Stellen mit Trespe gemischt. Ich fand aber nie auffallenden Nachteil für die Gesundheit davon. Etwas schwerer verdaulich bleibt wohl das Brod, weil es langsamer gährt, nicht so gut sich beim Backen hebt, wie das vom reinen Korn. Der Arme verarbeitet den Fehler leicht, und der reiche nimmt besseres, davon abgeschiedenes Korn zum vermahlen.
An den allermeisten Orten sehr gutes, wohlschmeckendes, in den felsigen Gebirgen klar geläutertes Wasser.
Kein großer Fluß, aber mehrere Bäche durchströmen das Land. Diese liefern: Forellen, Hechte, Persche, Weißfische, Barmen, Gründeln, Greßen, Krebse, Aale; - einer Steinbeißer und Aalruppen; verschiedene große Teichkarpen; - alle von vorzüglich reinem Geschmacke. Die Karpen übertreffen die aus dem Rheine darin.
Hirsche, Rehe, Hasen, wilde Schweine sind das viefüßige Wilpret; - Auerhahnen, Birkhahnen, Haselhühner, Schnepfen, Rebhühner, Wachteln, Lerchen, Ringel- und Hohltauben, Krammetsvögel- Wein- und andere Drosseln, Amseln, etliche Sorten wilder Enten, Wasserhühner, sind ohngfähr die eßbaren Wald-, Feld- und Wasservögel. Der Kybitz liefert seine kraftvollen Eier.
Das Fleisch von wilden Tieren sowohl als von zahmen ist bei den gesunden an kräftigen Kräutern reichen Weiden sehr saftig und ausgezeichnet wohlschmeckend.
Reich an wilden und officinellen Pflanzen von vorzüglicher Güte ist die dortige Gegend.
Von ganz vorzüglicher Güte, Geschmack und Dauer ist auch das Obst; überwiegt darin das aus der ergiebigen Wetterau bei weitem.
Das Land ist gut bevölkert, noch kann ich die Anzahl der Lebenden darin nicht genau angeben. Nie hatte man sie in den Freigerichten gezählt, weil keine kriegerische, keine kameralistische Absicht zu wissen nötig machte, auf wieviel Köpfe man gerade Anschlag machen könnte.
Nur ein kleines Bruchstück will ich hersetzen: 1763 beim Legen des Grundsteins zu einer neuen, schönen Kirche zählte man in der Stadt Lauterbach 2140, Vorstadt Werth 433, Summa 2573 Seelen. In dem eingepfarrten Dorfe Heblos 187 Seelen, Rumlos 54, in der Steinmühle 14. Die Pfarrei Lauterbach enthielt also damals 2828 Seelen, 1786 enthielt sie 2888. Die Stadt an sich ohne die durch den Bach abgeschiedene Vorstadt Werth 1763 - 2140 Seelen, 1786 - 2193, 1807 - 2653. Die Vorstadt Werth für sich 1763 - 433, 1806 - 504. DSie folgenden nahe gelegenen Centgerichtsdörfer Angersbach 1786 - 964 Seelen, 1806 - 993; Maar 1786 - 758, 1806 - 862; Reuteri 1786 - 118, 1806 - 163; Wallenrode 1786 - 611, 1806 - 688; Heblos 1786 - 153, 1806 - 202; Rumlos 1786 - 54, 1806 47. Knechte und Mägde sind nirgends mitgerechnet.
In allen Gerichten, Oberohmen ausgeschlosen, waren geschlossene Güter, die ein Kind erbte, seine Geschwistern im Verhältnis zur Masse weniger herausgab; und die mit milden, sich immer gleich bleibenden Ausgaben an die Herrschaft belegten Einwohner lebten dabei im Wohlstande. Die geschlossenen Güter waren für manchen weit denkenden Bauern Beweggrund, das eheliche Werk ökonomisch zu betreiben. Mancher zeugte deswegen nur seine 2 bis 3 Kinder, machte Ferien, bis etwa eins starb.
Herrschen keine gefährlichen epidemischen Krankheiten, so werden im Jahre gemeiniglich mehr geboren als sterben. Im ganzen würden noch weniger sterben, wenn der große Haufe, der Landmann, nicht jeden Fieberanfall, sei er noch so gefährlich, die ersten 4 und mehrere Tage für vorüber gehende Rotlauf (Fluß) hielte, nichts dagegen tut; als, was noch schlimmer ist, Branntwein mit Pfeffer trinkt, sich in dicke Betten hüllt, und dadurch im Winter durch übertriebene Stubenhitze schwitzt; - und wenn man für die kleinen Kinder eher Hilfe suchte, zu der größeren Sterblichkeit der Kinder unter einem Jahre trägt fehlerhafte Pflege und Ernährung auch sehr vieles bei. Die mehrsten davon sterben in den ersten Lebenswochen an Eclamsie, und diese wird herbeigeführt durch Erkältung gleich nach der Geburt, unter dem zu langsamen Reinigen und damit unmittelbar verknüpfter Störung des Hauptgeschäftes; durch zu festes Einwickeln; durch Hinstellen des Neugeborenen in einer Mulde mit dem Kopfe nahe an die heiße Ofenplatte; - ferner durch ein zu langes, nicht selten 36 bis 48 Stunden langes, hungern lassen, indem man glaubt, das Kind dürfe vor der taufe nicht saugen, oder die Milch schade vor dem dritten Tag. - Höchstens gibt man dem Kinde wohl einen bloß mit Zucker gefüllten Lutscher in den Mund, wodurch es statt Nahrung Säure und Luft in seinen Magen bekommt, und bald an Bauchgrimmen leidet. - Mit dem 3ten langstens 4ten Monate glaubt das robusteste von Milch strotzende Bauernweib nicht mehr hinlänglich das Kind nähren zu können, stopft es nun nebenbei mit Brei und Kartoffeln, eine zu schwere Aufgabe für seinen noch zarten Magen. Tausendfältig habe ich, hat mein Sohn gegen diese groben diätischen Mißbräuche gepredigt. Bei vielen Weibern, bei vielen Hebammen hat die Belehrung wohl gefruchtet, bei den meisten aber noch nicht, vornämlich da nicht, wo die an alte Gebräuche klebende Großmutter die Nebenpflege hat, wenn die Mutter an die Arbeit geht. Bei allen den Fehlern waren nach den eingerückten Tabellen in meinen ersten medizinisch-chirurgischen Bemerkungen, von 1771 bis 1786, also in 16 Jahren, im Physikate 1858 mehr geboren als gestorben.
In jedem Stande findet man sehr alte Leute. Ein 80-90jähriger, rüstiger, etliche Stunden Weges gehender Greis ist keine Seltenheit. 1805 ist in Lauterbach eine Hebamme im 99sten Jahre gestorben, die, weil sie gegen die zweite Hebamme viel beliebter und sanfter von Charakter war, mehrere Tausend Nächte in ihrem langen Dienste durchwachte, alle, alle Mühseeligkeiten dieses Standes in reichem Maße ertragen hat.
Die Stadt Lauterbach liegt zwar in einem Tale, aber in einem weiten Kessel am Abhange eines Berges, hat breite Straßen, wird von 2 Bächen durchströmt, und nirgends ist den Winden der freie Durchzug versperrt. Es herrscht auch ziemliche Reinlichkeit darin. In diesem Punkte kommt es jedoch viel auf die bessere oder schlechtere Polizeiverwaltung an. Ist der Direktor darin schläfrig, nachsichtig, dann taugt sie hier, wie in allen Orten, nicht.
Die Roth- und Weißgerber haben ihre schmutzigen, die Luft verderbenden Werkstätten außerhalb der Stadt am Wasser. - Die Metzger aber haben noch ihre Schlachtbänke in ihren Häusern, besudeln mit Blut diese und die Straßen. Bei manchen engwohnenden Leinwebern, Töpfer, Schuster, kann es nicht wohl ohne Schmutz abgehen. Insgemein kehren darum bei diesen epidemische Krankheiten auch zuerst ein.
Im Ganzen ist alles Riedeselische Volk sehr arbeitsam. - In Lauterbach gibt es viele sitzende und andere Handwerker, nämlich 1807: Leinweber-Meister 309, Schneider 19, Schuhmacher 62, Weisbender 7, Töpfer 15, Rohtgerber 10, Hutmacher 7, Schlosser, Büchsenmacher, Messerschmiede 16, Schreiner, Drechsler, Büchsenschäfter, Glaser 17, Schönfärber 7, Metzger 33, Grobschmiede 14, Faßbinder 7, Sattler 4, Zimmermeister 7, Maurer 16, Strumpfweber 3, Knopfmacher 4, Weisgerber 13, Spengler 1, Seiler 2.
Die Landleute sind ein sehr starkes, dauerhaftes, an sich gesundes Volk, hart gegen Hitze und Frost. Die am Oberwalde Wohnenden zeichnen sich hierin vorzüglich aus. - Beide Geschlechter haben meistenteils einen sehr guten Wuchs, gutes Ansehen, frische Farbe, derbes Fleisch; mehr schwarzes, schwarzbraunes als blondes Haar. In den ehemaligen Freigerichten, wo man mehr unter sich heiratet, unvermischt geblieben ist, siehet man nur viel blondes, auch ganz weißes Haar. Im Gerichte Oberohmen viel rotes Haar.
Unter dem Mannsvolke gibt es viele von außerordentlicher Größe; unter dem Weibsvolke viele recht hübsche Gesichter; besonders in den Gerichten Cent, Stock-, Landenhausen und Engelrode; die mehrsten in den Dörfern Angersbach und Frischborn. Die Mädchen behalten auch hier länger ihr blühendes Aussehen, reine Haut, ihr kernhaftes, gwölbtes Busenwerk. - Im Gerichte Oberohmen sieht man dagegen viele von Sommerflecken verhäßlichte Gesichter, schlechtem Wuchs, fast kein einziges hübsches Mädchen. Die Kleidertracht selbst hat nichts reitzendes. Der Bauer ist hier aber auch ärmer an reichen Feldern, an guten Weiden, gutem Viehstande, kann sich und die Seinen nicht so gut pflegen, halten, wie jene.
Oben habe ich gesagt, daß die Landesbewohner sehr arbeitssam sind. In den warmen Jahreszeiten bauet der Landmann an seinen Äckern und Wiesen; - in den kalten, wenn die Früchte erst ausgedroschen sind, spinnt alles, Manns- und Weibspersonen, vom Großvater und Großmutter an bis zum Kind, das kaum den Faden drehen kann, herunter. Die mehrsten Bauern haben zugleich Webstühle, wenigstens ihr Hausbedürfnis an Leinwand selbst aus ihrem gezogenen Flachse zu verfertigen. Für jedes Mädchen wird der Flachs zur künftigen Brautgabe aufbewahret; und jedes Mädchen versteht sein Hemd zu ersten legalen Nacht selbst zu weben.
Flachsbau, Garn- und Leinwandhandel, Viehzucht und Viehhandel machen die größten Nahrungszweige der Stadt und des Landes aus. - Das vor 60 bis 70 Jahren arme Dorf Landenhausen hebt sich mit jedem Jahr sichtbar zum Wohlstande, durch eigenen Handel mit Garn, mit grober Leinwand, durch weit und breit bekannte, vortreffliche Mühlsteine, durch großen Anbau seines guten weißen Kohls. Eine schon lang daselbst etablierte, jährlich neue Proselyten machende Brüdergemeinde hat auf vermehrten Fleiß augenscheinlich großen Einfluß. - In Rebgeshain und Dierlammen werden viele Holzwaren: Stühle aus Ahorn, Rechen, Sensenwürfe, Bierkannen, Peitschenstiele u.d.g. in Menge gefertigt. - In Oberohmen ist Winters über jeder 4te bis 5te Mann ein Schnallenmacher.
In der Erntezeit arbeitet jedermann sehr eifrig im leichstesten Gewande; die Mannspersonen kaum mit Hemd und Hose bedeckt; das weibliche Geschlecht im bloßen Hemde, bis in die späte, den triefenden Schweiß unterdrückende Abendluft hinein. Man gehet mit den Kleidern auf den Schultern nach hause, setzt sich vor die Türe, speiset saure Milch, koset, singet noch eine Stunde, erkältet sich von außen und innen. Daher kommen dann nicht selten Ruhren, Seitenstechen, andere Rheumatismen, katarrhliche und gallige Fieber. - Im Winter sitzt alles leicht gekleidet in einer brühheißen Stube, deren Luft mit den Dünsten einer zahlreichen Gesellschaft und der Ofenblase geschwängert ist, an seiner Arbeit. Kommt nun die Zeit zum Füttern und Tränken der Tiere, dann geht man ohne sich mehr zu bedecken in die grimmigste Kälte. Das mit offenem Wams, mit offenem Busen und nackten Unterschenkeln dagesessene Mädchen würde für keine kecke Dirn gehalten, wenn es nicht vom Spinnrade weg geradezu an das erkältende Geschäft und über die Gasse ginge. Daher noch häufige Seitenstechen, Rheumatismen, Bräunen und ähnliche Zufälle aus dieser Klasse unter beiderlei Geschlechte; so manche Beschwerden unter dem weiblichen. Letzterer Fall noch häufiger vom Erkälten im Flachswasser, wenn sie just floß.
Der Bürger ziehet mehr Gattungen von feineren Gemüsen, ißet mehr Fleisch, verstattet seinem Gaumen mehr Wechsel. Der Landmann bauet fast keine andere, als weißen, blauen und gelben Kohl, und gelbe und weiße Rüben. Kartoffeln aber bauen Bürger und Landmann in großer Menge.
Auf dem Lande genießet man, besonders im Sommer, viel Milchspeisen, - geschälte Gerste, Hafer, Heidekorn; oft saures Kraut, mit trockenen Erbsen sehr steif gemischt. Den allergrößten Teil der Speisen im ganzen Jahre machen jedoch die Kartoffeln aus; - Mittags mit Brühe, Abends gesotten und trocken mit Salz und Brote, welches oft selbst noch einen Zusatz davon hat; man isset sie noch nebenher in allerhand Kuchen, in Scheiben geschnitten und am Ofen gebacken. - So gesund die mehlreichen, dünnschaligen Gattungen in allerhand Zubereitungen sind, so gewiß schadet doch ihr übermäßiger Genuß in trockener Gestalt. Unter allen Sorten sind die langen mit roter, rauher Schale und die sehr großen Viehkartoffeln die ungesundesten. - Die bloß gesottenen Kartoffel ohne Brüh genossen schluckt die Verdauungssäfte zu schnell in sich, macht einen zähen Brei, der erst zu langsam, nachgerade gar nicht ganz verdauet wird. Es bleibt dann ein schleimiger Kleister im Darmkanale liegen, welcher die kleineren Gefäße überziehet, zu den stärksten Infarkten Anlaß gibt. Der Bauch wird dick, ausgedehnt hart, die Leidenden sehen bleich und aufgedunsen aus, atmen schwer, klagen über Druck in der Herzgrube, und Unterleibe, hartleibigkeit, Trägheit, Beängstigung, verminderte Eßlust, sind von wenigen Speisen satt, voll, noch mehr aufgeblähet. Im Winter bei sitzender Arbeit bildet sich diese Ungemächlichkeit vornämlich und gegen das Frühjahr kommen dergleichen Kranke häufig vor. gegen diese Kartoffeln-Infarkten vermögen gewöhnliche Purganzen nichts. Man muß sie mehrere Tage mit den stärksten incidirenden Mitteln angreifen, beweglich machen, und dann eine wahr drastische Purganz reichen. - Die nämliche kur etlichemal wiederholen, wenn man sie vom Grunde ausfegen will, und dann erst stärken. - Überhaupt verlangt, verträgt der hiesige Landmann, der Oberwälder vornämlich vil stärkere Dosen von Arzneien, als z. B. der Wetterauer, der Frankfurter. der an mildere Dosen gewöhnte Praktiker muß in diesem Punkte dort erst ganz die Constitutionen und Lebnsart kennen, wenn er glücklich heilen will. - Diese Kartoffel-Infarkten geben häufig zu Wassersuchten schleichend Anlaß. Eine andere Ursach zu Verschleimung, Würmern und Infarkten, besonders bei Kindern, liegt in den vielen, fast täglich warmen Kuchenessen. Zum Ruhme der Landleute muß ich sagen, daß in mehreren Dörfern von ihnen recht wohlschmeckende mürbe Kuchen gebacken werden. Das kann jedoch nur der Reiche. Die Kuchensucht gehet aber soweit, daß jeder, auch der Aermste fast täglich dergleichen von Roggenmehle, oder Kartoffeln mit Lein- oder Rüböle, schlechten Fette überstrichen und mit Zwiebeln belegt, so warm als er aus dem Ofen kommt, isset, und damit seine und seiner Kinder Gedärme verschlammet. Ein solcher Kleister kann unmöglich lange gut verdauet werden. Daher denn unter der ärmeren Volksklasse monstrose dicke Bäuche, Hartleibigkeit, Atrophie, Würmer, Grind köpfe u. dergl.
Intestinal-Übel noch mehr zu begründen trägt, der erbärmlich dumme, von ein paar Bohnen und Gerste, oder Erbsen, oder Runkel oder Mohrrüben bereitete Kaffee, den man nicht nur morgens zum Frühstücke, sondern auch mittags statt der Suppe und anderen warmen Speisen, mit eingetauchten schwarzen Brote in Menge genießet. In der Stadt war er schon länger Mode und man konnte ihn schon rein trinken, weil in den 70er Jahren bis zum unglücklichen amerikanischen Kriege hier das Pfund von Mittelsorten nur 16 - 18 Kreuzer kostete. Mit zunehmender Teuerung kamen die elenden Surrogate im Gang. Ohne sogenannten Kaffee würde kein Bettelweib einen Tag erleben zu können glauben. Damals tranken noch wenige Bauern Kaffee, manche ganze Dörfer keinen. In den 80er Jahren frug mich fast schon jeder, ob ihn sein Kranker trinken dürfte. Für den Bauernmagen, der so viel schwere Kost verdauen soll und muß, schickt sich eine so schlaff machende Brühe am wenigsten. Viele trinken jedoch ihren Schnaps darauf und dann schadet er weniger dem Magen, als dem Beutel. Bei all der ungesunden Nahrung sind ächte Skrofeln eine seltene Erscheinung, - und es liegt hierin ein neuer Beweis, daß diese eine Aftergeburt der Lustseuche sind.
Die Vornehmern trinken Rhein- und Pfalzwein; - die Geringeren, die hier sehr wohlfeil zu habenden Frankenweine aus schlechten Lagen; einen oft schwerfälligen sauren Nektar. Kommt auch im ganzen Jahr kein Wein ins Haus, so fließt er doch, sobald die Frau ins Kindbett kommt, oder sonst jemand krank ist. Je hitziger das Fieber, je mehr Durst, desto eher gibt man Wein, im Glauben damit zu stärken. - Nur auf den Tafeln der Herrschaften findet man edlere, alte Rhein- und edlere ausländische Weine.
Wie alle Nordländer lieben auch unsere Landesbewohner den Branntwein. Zweijährige Kinder werden schon daran gewöhnt, ihrer Gesundheit damit geschadet. - In dem Mooser Gerichte herrscht diese Gewohnheit vorzüglich, und es liegt gewiß darinn die Ursache, daß die Eingeborenen hier nicht den großen schlanken Wuchs der Nachbarn haben. Auch in Krankheit soll er oft Labsal sein, und mancher am Entzündungsfieber Liegender trinkt statt seines Lebens Untergang. - Mit der bürgerlichen Freiheit ist das Recht Branntwein zu schenken gepaart. In jeder Straße der Stadt findet man deswegen etliche solcher Mordgruben für Verstand und Gesundheit. - Eine der übelsten Gewohnheiten in den entfernter von der Stadt gelegenen Oertern ist es auch den eben entbundenen Weibern reichlich Branntwein zu reichen, und so reichlich, daß manche Wöchnerin in den ersten 8-9 Tagen nicht ganz nüchtern ist. Daß wirklich nicht mehr Nachteile folgen, als geschiehet, beweiset, was man einer robusten Constitution zumuten kann. Näher um die Stadt und da, wo nachgerade bessere Grundsätze durch die Geistlichen und die Schullehrer und unterrichteten jüngere Hebammen verbreitet worden sind, die der wohlwollende Arzt so oft predigt, gibt man guten und besseren Regeln Gehör. - Gegen die wahren Branntweinsäufer kann die Polizei sehr viel tun, wenn sie will. In Lauterbach stand zu meiner Zeit, gegen 10 Jahre, ein äußerst moralisch guter Beamter als Polizeidirctor; dieser ließ Trunkenbolde, vornämlich wenn sie Unfug auf der Gasse, oder mit Weib und Kindern trieben, geradezu ins Gefängnis führen, etliche Tage bei Wasser und Brot ihr Blut abkühlen und Nüchternheit studieren; und das Laster verschwand damals beinahe ganz. Das Bier, dessen viel in der Stadt und auf den herrschaftlichen Landgütern gebrauet wird, war, das Stockhäuser ausgenommen, gemeiniglich schlecht. Das Stadtbier kann wohl nicht anderst, als schlecht sein, weil jeder Bürger das Recht zu brauen, aus Bequemlichkeit aber sein Los an gewisse Beständer verkauft, wo dann die Güte der Gewinnsucht untergeordnet ist. Außer dem Bürger und Handwerker trinken wenige Bier, der Bauer meistenteils Wasser gegen Durst.
Das Riedeselsche Volk ist gutherzig, ehrlich, höflich, gut erzogen. Ein Taugenichts läuft freilich hier und da mit unter, das ist aber in der ganzen Welt so. In der Stadt herrscht mehr Üppigkeit, Leichtfertigkeit, und deswegen ist man auch wohl eher krank an Leib und Seele, als der Landmann. Ein Dorf, ein Amt zeichnet sich indessen vor dem andern im moralischen Charakter aus. Mn siehet es hier und da den großen Haufen, dem Buben auf der Gasse an, ob von den Obern immer gute, und wie es oft nötig ist, strenge Manneszucht gehalten worden ist und noch gehalten wird.
Lieben und sich lieben lassen, das tut die ganze weite Welt. Aber es ist doch auch ein charakteristischer Zug unseres jungen Landvolkes. Der kaum seine Mannbarkeit erreicht habende Jüngling wählt sich schon, mit Vorwissen seiner Eltern, sein Mädchen und macht ihm die Cour. So dauert die erklärte, jedermann bekannte Liebhaberei manchmal 6 und 8 Jahre fort, ehe der Geistliche das eheliche Band knüpft, daß es inzwischen nicht immer Consitorialgerecht hergehe, ist ganz natürlich, doch nicht so häufig als man auf den ersten Blick glauben könnte. Bewiesenermaßen gibts jetzt mehr uneheliche Kinder als sonst, seitdem man die öffentlichen Kirchenbußen aufgehoben, seitdem das Publikum mehr Nachsicht gegen Gefallene hat und seitdem man den mit dem 7ten bis 8ten Monate erschienenen Ehesegen in favorem Matrümonü erklärt. - Vom Kindermorde hört man daher seit mehreren Jahren nichts mehr; ob aber die Moralität dabei gewinnt, das gehört nicht für mein Forum. Der Riedeselianer ist ein fähiger Kopf für alles. In allen Ständen and den mehrsten Ländern trifft man Landsleute an. Ehedem kehrte er aber auch gerne wieder in seine Heimat zurück.
Eigentliche endemische Krankheiten sind in unserm Gebiet nicht eigen. Epidemischen hangen von Luft, Witterung, Nahrungsmitteln ab. Taugen diese nicht, so streuen sie bei uns, wie auf dem ganzen Erdball bösen Krankheitssamen aus. - Entzündungskrankheiten, vornämlich Pnemonien treffen mehr die höher liegenden und die dem Ostwinde ausgesetzten Örter.
Quasi endemisch ist ein flechtenartiger, nässender, schwarzer Borken bildender Ausschlag, seit einigen Jahren in Landenhausen, an den unteren extremitäten vorgekommen, welcher endlich in unheilbare Geschwüre zwischen Wade und Knöchel übergeht. Meistenteils siehet man ihn bei Männern, welche das ganze Jahr durch am Webstuhl geheftet sind.
In dem auf Sumpfboden in einer den freien Luftzug hindernden Waldecke liegenden Allmenrode sind Ophthalmien sehr häufig; vornähmlich die Entzündung der Maibomschen Drüsen; - Flecken der Hornhaut. Teils liegt die Ursache dazu in den feuchten Wohnungen, mehr aber noch wohl in der Gewohnheit und aus Sparsamkeit Holzspäne statt Oellichtes zu brennen, deren feiner Rauch die Augen so oft anhaltend trifft.
Im Verhältnis gegen flachere Gegenden gibt es im Gebirge nicht wenige astmatische, vorzüglich unterm weiblichen Geschlechte. Allgemeine Ursachen dazu liegen im häufigen Genusse der Kartoffeln, der frischen mit Oel und fett bestrichenen Kuchen, der trockenen Erbsen, des Käses, des täglichen Sitzen am Webstuhle und Spinnrade im Winter; - in der neblichen feuchten Luft von außen; in der mit den Dünsten von der Ofenblase, Oele, Spanrauche, einer zahlreichen Spinngesellschaft geschwängerten Stubenluft. Man öffnet kein Fenster, man schläft darin; man tut zur Verbesserung der letzten nichts, als daß man grüne Wacholderreiser anzündet und verflackern läßt. - Der beste noch so gur armierte Chemiker würde das macherlei Gas nicht scheiden können. - Eine andere Ursachen, warum die Weiber leichter astmatisch werden liegt in dem unvernünftig langen stillen der Kinder. Einen 2 bis 2 1/2jährigen stämmigen Jungen zu sehen, der seiner Mutter befiehlt sich niederzusitzen und auf selbst herbeigeholten Fußbänkchen nach der Brust klettert und saugt, ist gar keine Seltenheit hier zu Lande. Dabei sind die meisten schon lange wieder menstruiert und erreichen doch nicht immer den beabsichtigten Zweck, beim langen Schenken nicht wieder schwanger zu werden. Die natur rächt sich aber oft für diese unsinnige Verschwendung der Säfte. Mit dem 40ten Jahre gleichen sie schon 70jährigen, und größtenteils beschließt im 60ten Jahre Wassersucht die Scene.
Außer rheumatisch Katarrhalischen Krankheiten, der damit verwandten Ruhr und gastrischen galligen Fiebern entspringt fast nie eine epidemische Krankheit in unserem Gebiete. - Die Ursachen dazu liegen in der Luft, Jahreszeit, vornehmlich in der oben beschriebenen sorglosen Lebensart.
Ansteckende Uebel wurden uns immer zugebracht. So das wahre Faul- und Fleckfieber, als im Jahr 1771 und 72 die Hungersnot in Deutschland eine Menge Menschen in Asthenie, ins äußerste Elend und Tausende in Grab stürzte. Wir hatten, der göttlichen Vorsehung sei es gedankt! noch Brod. Aus Meilen weiter Entfernung zogen ganze Scharen Verhungerter zu uns. Eine reichliche Geldgabe galt ihnen nichts, ein Stück Brod alles. Schon mit dem Fieber befallene wurden in unseren Grenzorten auf Wagen zugeführt, wo sie, der bestehenden Ordnung nach, in Hirten- und Nachtwächter-Häuser abgesetzt und dann von Ort zu Ort weiter geführt werden sollten. Auf diese Art wurden solche Häuser zuerst angesteckt, und nach Verlauf von 6 - 8 tagen warf die Krankheit den größten Teil der Familie aufs Lager. In einem solchen Falle blieb von 7 Seelen eines Hirtenhauses in Maar nur ein 8jähriger Bube frei, der den Kranken noch aufzuwarten im Stande war, seinen Eltern und Geschwistern die treuesten Dienste leistete. Wir wurden deswegen in die traurige Notwendigkeit gesetzt, oft schon halb mit dem Tode Ringende durch ausgestellte Wächter zurückzuweisen, damit das tödliche Uebel nicht weiter verbreitet würde.
So wurde der ansteckende Typhus 1794 durch einen Transport von 54 Kaiserlichen Soldaten aus einem Lazarette, worin er herrschte, auf der retirade anh Lauterbach gebracht. Der Kommandierende hatte verlangt die sämtlichen Elenden in einem angemessenen Saale zu logieren, damit sie der Chirurg gemächlich übersehen, behandeln könne. Man hatte ihnen also eine große Stube im Schulhause eingeräumt, und zur Verpflegung waren sie einer Straße zugeteilt. Die treuherzigen Bürger hatten ihren unvermuteten Gästen Speisen und Trank selbst gebracht, manchem zu Elenden in den Mund gereicht, hatten sich halbe Stunden und lange mit ihnen am Bett unterhalten, so das Gift eingeatmet, eingeschluckt. - Zwei Soldaten waren in der Nacht gestorben. - Ich war just abwesend, konnte also die Bürger nicht warnen, nichts mehr ändern. Gerade als sie wieder auf die Wagen gebracht wurden, kam ich wieder nach Hause, sahe noch die äußerst schwachen, gelblich erdfahlen Menschen mit wahrem Entsetzen für die Folgen unter den Lauterbachern. Noch 8 bis 10 Schritte von den Wagen entfernt kam mir schon der unbeschreiblich widrige, mirzige, faulige von ihnen ausströmende Geruch entgegen.
Den bei den Kranken gewesenen Bürgern riet ich zwar einige Verwahrungsmittel, welche einerseits wohl nicht genug geachtet wurden, andererseits aber auch nichts fruchteten. Schon den 6ten Tag bekamen einige das nämliche Fieber, und es lief zu den Hausgenossen über. Um im ersten Blicke den Charakter desselben unterscheiden zu können, durfte ich nur fragen, ob man bei den kranken Soldaten gewesen sei? - In einem Metzgerhause, worin innerhalb 13 Tagen 7 erkrankten, wurden 4 freiwillige nachgerade zugegeben gesunde Wärterinnen ebenfalls davon befallen. im Durchschnitt starb der 5te und vornehmlich räumte es die Branntweinzecher unrettbar weg. Fast bei allen gehörten zur Genesung 4 bis 7 Wochen; so sehr war die Lebenskraft herabgesunken. Manche lagen 3 Wochen und länger schaamlos im Stupor.
Die Schulstube durfte in einem ganzen Monate nicht benutzt werden, wurde durchgelüftet, mit angezündetem Schießpulver u.s.w. gereinigt neu betüncht und so das Gift verbrannt.
Die Menschen-Blattern kamen alle 4 bis 6 Jahre zu uns; die Masern etwas langsamer. Die Blattern wurden durch falsche, widersinnige abergläubische Gewohnheiten in der Wartung nicht selten gefährlich und tödlich. Von 1788 an fing die Einimpfung an Eingang zu finden, und von da, bis in die letzte Epidemie 1796 hatte ich das Glück, durch dieselbe über 1800 vor der pestilenzialen Krankheit zu sichern. 1801 wurde die Vaccine dagegen eingeführt und mein mir als Physicus nachgefolgter Sohn hat bis Ende 1807 schon über 1400 dadurch vor Ansteckung bewahrt, und schon hat er etliche Dörfer gehabt, deren Bewohner eine Ehre darin suchten kein Kind ungeimpft zu lassen. - So hatte ich 1796 das Vergnügen, als sich mörderische Pocken der Grenze näherten, daß von 46 in einem Dorfe noch nicht durchblattert habenden Kindern 43 in einem Tage zur Impfung gebracht wurden. - Ein 8jähriger Bube war aus Furcht vor der Operation weggelaufen; zwei sollten aus Abneigung der Eltern nicht an dem Glücke teilnehmen. Nicht lange darauf kamen die natürlichen Blattern in den Ort und alle drei starben.
Desto angenehmer war es, daß die Impfung blos durch Belehrung, durch Beispiele aus freien Entschlüssen der Eltern und Vormünde, nicht durch Überredung, nicht durch polizeiliche Bedrohungen udn Befehle geschahe. Einzelne konnten sich freilich noch nicht von allen Vorurteilen losmachen und man fand deren immer mehr in der Stadt als auf dem Lande. Der Bauer ziehet aus guten Erfolgen weit eher gesunde, einfache Schlüsse. Mancher sich erleuchteter dünkende Städter glaubt sich hingegen klug genug, kritisieren, urteilen, gefährliche Nachwehen in die Zukunft ausspähen zu können; - und überläßt den Seinigen noch wohl dem mißlichen Schicksale, bis ers zu spät bereut.
Merkwürdig bleibt es, daß schon in den 90er Jahren in manchem benachbarten Orte und dann in mehreren Häusern der Typhus erschien, selten Kinder, aber nachgerade die allermehrsten Erwachsenen einer Familie befiel. Seit 1802 aber herrscht er, nach den Bemerkungen meines Sohnes, jeden Winter in einzelnen Dörfern der Gerichte Freiensteinau, Moos, Engelrode und Oberohmen. Mit der Gefahr bekannt meiden die meisten Einwohner den verkehr mit kranken Familien, und so wird eines Teils die Verbreitung begrenzt. Durch die verderblichen Leichenschmause aber, durch Stunden langes Verweilen im gewesenen Kranken- und Sterbezimmer bringt mancher aus Ekel die Anlage zur nämlichen Krankheit mit nach Hause, die dann nicht leicht über 14 Tage bis 3 Wochen ausbleibt.
Die Beharrlichkeit der dort im Ganzen unbekannten asthemischen Constitution schreibt er dem eingerissenen Branntweinsaufen zu; - und besonders des noch fast einzig zu habenden Kartoffel-Branntweins mit Rechte zu. Dieser schlechte wässerige Geist nimmt zuverlässig aus der äußeren Schale bei der Destillation narkotisches Prinzip mit herüber, und daher dann schlechter Appetit, schlechte Verdauung, Kopfweh, nachgerade Gedächtnisschwäche, Abstimmung des Faserntons. Beitragen tut ferner das, daß im Anfange des grenzenlosen Revolutionskrieges durch hohe Preise der Früchte und des Viehs ein unerhört großer Luxus unter dem Volk einriß, und daß nun seit 6 Jahren der Wohlstand durch die Nachwehen desselben sehr sichtbar herabgesunken ist, immer noch sinkt. Hierzu haben sich noch die sitzenden Handwerker in den Dörfern, die Population, und mit ihr die Nahrungssorgen vermehrt.
Seit 1805 grassiert in der Stadt das Scharlachfieber sporadisch als Aorbus stionarius, das heißt, es werden alle 4 bis 6 Wochen nur 1 - 3 davon befallen. Ebenso war es seit 2 Jahren in Wiesbaden der Fall.
In meinen Jahrbüchern habe ich ferner folgende Krankenzahlen aufgezeichnet: 1787 - 1284, 1788 - 1328, 1789 - 1346, 1790 - 1394, 1791 - 1508, 1792 - 1416, 1793 - 1588, 1794 - 1319, 1795 - 1472, 1796 - 1884, 1797 - 1722.
In diesen letzten 2 Jahren herrschten viele Entzündungs-Gallen- und Nervenfieber; Blattern, Keichhusten; Ophtalmien; - und die Invasion der Franzosen mit ihrem Gefolge. 1798 - 1488, 1799 - 1445, 1800 - 1553.
Geburts und Sterbelisten. Die Anzahl der Geborenen und Verstorbenen von den Jahren 1771 bis 1786 im ehemals Freiherrlich von Riedeselschen, zu meinem Physicate gehörogen Gebiete, liefern folgende Verzeichnisse:
In dem Kirchspiel Lauterbach sind in 16 Jahren 224 mehr geboren als gestorben.
In dem Kirchspiel Freiensteinau sind in den Jahren 1771 - 86 668 geboren, 571 gestorben.
In den Jahren 1773 und 1774 sind viele Personen an Flußkrankheiten und Blattern, 1777 eben auch an letzteren und Brustkrankheiten, und 1786 nochmals viele Kinder an Blattern gestorben.
In dem Kirchspiel Niedermoos sind in dem Jahre 1771-86 785 geboren, 629 gestorben. Außer der angegebenen Summe der Geborenen sind noch 33 Kinder totgeboren worden.
In dem Kirchspiel Altenschlirf sind in dem Jahre 1771 - 86 410 geboren, 307 gestorben.
Quelle: Geschichtsblätter für den Kreis Lauterbach, 1926
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