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Töchter! Was sollen wir mit ihnen thun?
Der Lauterbacher Anzeiger früherer Jahre bezeichnete sich sich selbst als "Blatt zur Mittheilung wissenswerther und nützlicher Kenntnisse, zu Besprechung öffentlicher Angelegenheiten, sowie zur Verbreitung amtlicher und privater Nachrichten im Kreise Lauterbach und den benachbarten Bezirken." Die folgende Ratschläge zur Vorbereitung von Töchtern auf ihr späteres Leben sind wohl in die Rubrik "nützliche Kenntnisse" einzuordnen - oder sollte es für ihr Escheinen im Jahr 1875 einen besonderen Anlass gegeben haben?
"Gebt ihnen eine ordentliche Schulbildung. Lehrt sie ein nahrhaftes Essen kochen. Lehrt sie waschen, bügeln, Strümpfe stopfen, Knöpfe annähen, ihre eigenen Kleider machen und ein ordentliches Hemd. Lehrt sie Brod backen und daß eine gute Küche viel an der Apotheke spart. Lehrt ihnen, daß eine Mark hundert Pfennig werth ist, und daß nur Derjenige spart, der weniger ausgibt als er einnimmt, und daß Alle, die mehr ausgeben, verarmen müssen. Lehr ihnen, daß ein bezahltes Kattunkleid besser ist und besser kleidet, als ein seidenes, wenn man Schulden hat. Lehrt ihnen, daß ein rundes volles Gesicht mehr werth ist, als fünfzig schwindsüchtige Schönheiten. Lehrt sie gute starke Schuhe tragen. Lehrt sie Einkäufe machen und nachrechnen, ob die Rechnung auch stimmt. Lehrt ihnen, daß sie Gottes Ebenbild mit starken Schnüren blos verderben können. Lehrt ihnen einfachen, gesunden Menschenverstand, Selbstvertrauen, Selbsthülfe und Arbeitsamkeit. Lehrt ihnen, daß ein rechtschaffener Handwerker in Hemdärmeln und der Schürze, selbst ohne einen Pfennig Vermögen, mehr werth ist, als ein Dutzend reich gekleideter und vornehmer Tagediebe. Lehrt ihnen Gartenarbeit und die Freuden der freien Natur. Lehrt ihnen, wenn ihr übriges Geld habt, auch Musik Malerei und alle Künste, bedenkt aber immer, daß es Nebensachen sind. Lehrt ihnen, daß Spaziergänge besser sind als Spazierfahrten, und daß die wilden Blumen gar schön sind für den, der sie aufmerksam betrachtet. Lehr sie allen bloßen Schein, falsches Haar und Schminke verachten, und wenn man Nein oder Ja sagt, man es auch wirklich so meinen soll. Lehrt ihnen, daß das Glück in der Ehe weder von dem äußeren Anstand, noch von dem Gelde des Mannes abhängt, sondern allein von seinem Character. Habt Ihr ihnen all das beigebracht und sie haben's verstanden, dann laßt sie, wenn die Zeit gekommen ist, getrost heirathen; sie werden den Weg dann schon allein finden."
Der Artikel spiegelt den Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts. "Emanzipation von Frauen" kannte man nicht. - Ob es Eltern damals immer verstanden haben, ihren Töchtern die angeführten Ratschläge nahe zu bringen, und wenn ja, ob die Töchter diese Ratschläge auch angenommen haben, scheint fraglich, wenn man im "Anzeiger" weiter blättert und die folgenden Privatanzeigen entdeckt:

Privatanzeigen im Anzeiger.
Quellen: Lauterbacher Anzeiger vom 6. Februar, 23. + 27. Oktober 1875 und 9. November 1907
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